24. Februar 2020

Das Gynformation-Manifest

Wir setzen uns für eine selbstbestimmte medizinische Praxis in der Gynäkologie ein. Erfahre in unserem Manifest mehr über die Grundhaltungen des Kollektivs.

Von Gynformation-Kollektiv

1. In der Medizin, einem stark von Hierarchien, einseitigen Abhängigkeiten und Kontrolle geprägten System, wirken zahlreiche Formen von Diskriminierung, die wir erkennen müssen, um uns selbstbewusst gegen sie zu wehren und solidarisch auch mit Menschen zu sein, deren Diskriminierungserfahrungen wir nicht teilen. 2. Unsere Körper sind keine Spezialfälle, und der männliche, weiße, nicht-behinderte, cis-geschlechtliche, heterosexuelle Körper ist in keiner Form universeller als jeder andere menschliche Körper. Wir lehnen deshalb die normative Fokussierung auf ihn in der medizinischen Forschung und Praxis ab. 3. Wir haben ein Recht auf selbstbestimmten Umgang mit unseren Körpern sowie auf die Aneignung bzw. Rückeroberung gynäkologischen Wissens. 4. Wir haben ein Recht darauf, uns ungestraft über praktizierende Ärzt*innen, Methoden, Preise und andere für uns relevante Aspekte aller gynäkologischen Leistungen zu informieren – besonders auch in Bezug auf Schwangerschaftsabbrüche. 5. Auch bei gynäkologischen Untersuchungen müssen wir keine Übergriffe hinnehmen, sondern haben ein Recht auf Konsens. 6. Das Aussehen unserer Körper oder unser Körpergewicht darf in der gynäkologischen Behandlung nicht unnötig oder abwertend kommentiert werden. 7. Keine gynäkologische Behandlung erfordert es, dass wir uns komplett entkleiden und wir haben ein Recht darauf, dies ohne Rechtfertigung abzulehnen. 8. Wir haben ein Recht darauf, während der gynäkologischen Behandlung Fragen zu stellen und kompetent und transparent beraten zu werden. 9. Wir haben ein Recht darauf, über unterschiedliche Verhütungsmethoden, einschließlich nicht-hormoneller Methoden und Sterilisation, informiert zu werden und selbst die richtige für uns auszuwählen, ohne dafür von der behandelnden Person beurteilt zu werden. 10. Wir erkennen die mangelnde Barrierefreiheit zahlreicher Behandlungsräume an und möchten das Bewusstsein für ableistische Ausschlüsse in der Gynäkologie schärfen. 11. Wir erkennen die besondere Diskriminierung von trans, inter, nichtbinären Personen in der Medizin an, die oft schon bei cis-sexistischer bzw. binärer Geschlechterdarstellung auf Formularen oder beim Misgendern im Empfangsbereich beginnt, und fordern eine Sensibilisierung für transfeindliche Ausschlüsse in der gynäkologischen Behandlung. 12. Unterschiedliche Formen von Rassismus im Bereich der Medizin sind historisch und kolonial begründet, bis heute wirksam, und mit schwerwiegenden gesundheitlichen, oft gewaltsamen Folgen für Schwarze, Indigene, als muslimisch gelesene Patient*innen und Patient*innen of Color verbunden. Medizinische Forschung und Praxis dekolonisieren! 13. Jede Art von abwertender oder moralisierender Beurteilung im gynäkologischen Kontext, z.B. über Sexarbeiter*innen, Drogenkonsument*innen, HIV-positive Menschen, lehnen wir ab. 14. Queere, trans*, inter, lesbische, bi- und pansexuelle, nicht-binäre, a_sexuelle, a_romantische, polyamouröse und schwule Personen, Lebensweisen, Partnerschaften oder Familien möchten wir speziell in gynäkologischen Kontexten sichtbar machen und empowern. 15. Moralisierende Äußerungen während einer gynäkologischen Behandlung, die heteronormative, misogyne, biologistische, rassistische, nationalistische, patriarchale, (cis-)sexistische Bilder und Zwänge von Fortpflanzung reproduzieren, lehnen wir ab. 16. Jeder gebärende Mensch hat ein Recht darauf, während der Geburt, wie auch bei Fehl- oder Totgeburten, respektvoll behandelt zu werden und weiterhin selbstbestimmte Entscheidungen über den eigenen Körper zu treffen.